Protect every kiss 2007

Küssen für ein tolerantes Berlin – 1. MANEO-Kussmarathon am Internationalen Tag gegen Homophobie 17. Mai

Unter dem Motto „protect every kiss“ zog der 1. MANEO-Kussmarathon am Internationalen Tag gegen Homophobie, 17. Mai 2007, quer durch das Berliner Stadtgebiet.

In acht Bezirken wurden verschiedene Orte, die als „kein leichtes Pflaster“ für offen auftretende Schwule und Lesben bekannt sind, zum Schauplatz eines jeweils etwa 15-minütigen demonstrativen Kiss-Ins. Zahlreiche überraschte Schaulistige säumten die ungewohnten Szenerien, als die insgesamt rund 50 Teilnehmenden in innigen Umarmungen mit ihren PartnerInnen versanken – und einander auf offener Straße, am hellerlichten Tag küssten. 

Was zunächst banal anmuten mag, sollte es doch gemeinhin „keine große Sache“ sein, erregt die Gemüter: Auch aus 17-jähriger Erfahrung weiß MANEO, dass Homosexuelle immer wieder schief angeguckt oder beschimpft, bedroht und nicht selten sogar Opfer von körperlicher Gewalt werden – auch heute noch. So stieß die Aktion, die zudem auf den bier- und krawallseligen „Herrentag“ fiel, vielerorts auf unverhohlene Ablehnung; die Reaktionen reichten von „Igitt, scheiß Schwuchteln!“ bis hin zu „Verpisst euch!“. 

Die Stoßtrupps der Demonstration wurden zeitweilig von bis zu einem Dutzend Polizeibeamten begleitet. Doch es waren auch positive Stimmen zu vernehmen, z.B. „Soll doch jeder machen was er will!“ oder sogar „Find ich gut, dass diese Jungs und Mädels auch hier Flagge zeigen!“ Dasqueere Berliner Stadtmagazin Siegessäule, das der MANEO-Aktion prompt eine Titelstory widmete, würdigte den Kuss-Marathon als„dezentralen Mini-CSD“: „Allein für die Umsetzung dieser Idee hätte MANEO den Zivilcourage-Preis des CSD verdient.“ 

Der Startschuss fiel im äußersten Südosten Berlins. Ein Protokoll. 

Rathaus Köpenick, 12:30 Uhr, strahlend blauer Himmel. Im historischen Ortskern sammelt sich ein gutes Dutzend bestens gelaunter Gays, Lesbians and Friends. 

Gruppenfoto mit dem „Hauptmann von Köpenick“, dessen Statue das Eingangsportal des Rathauses schmückt, in das die NPD bei der letzten BVV-Wahl mit drei Sitzen einzog. Vom Hafen schallt das sexistische Gegröle einer Herrentagsdampferfahrt, einige Passanten gucken irritiert – nicht wegen der Prollgesänge, sondern wegen der Kuss-Demo, die von zwei vollbesetzten Mannschaftswagen der örtlichen Polizei vorsorglich begleiteten wird. 

Einander küssende Homosexuelle scheint man hier nicht oft zu sehen, schon gar nicht „im Rudel“. Das von der SPD-Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler vorab übermittelte Grußwort wird nicht verlesen: Zwar betont sie die nach wie vor aktuelle Notwendigkeit fortwährenden Einstehens für Toleranz und wünscht dem Kuss- Marathon „einen guten Weg, in jeder Hinsicht“, doch den Begriff „Homophobie“ scheint sie oder ihre PR-Abteilung noch niemals nachgeschlagen zu haben: „Homophobie bleibt anrüchig“, bedauert sie. Gemeint war wohl Homosexualität. Wer bislang geglaubt hat, es bedürfe keiner weiteren Aufklärungsarbeit, wird spätestens jetzt eines besseren belehrt. Mit Autos, Minivans und ÖPNV geht’s zur nächsten Station.

Hermannplatz, Neukölln, 13:40 Uhr. Mittlerweile frischt der Wind auf, doch zum ersten Dutzend KüsserInnen gesellen sich weitere Unerschrockene. Die stellvertretende Bezirksbürgermeisterin, Stefanie Vogelsang (CDU), trotzt im sommerlichen Blazer dem kühlen Wetter und begrüßt die Teilnehmenden des Kuss-Marathons aufs Herzlichste. 

Im Blitzlichtgewitter der Fotografen küssen sich die Paare, lange, mit Zunge. Im Hintergrund dominiert Berlins größte Karstadt-Filiale das außergewöhnlich Geschehen auf dem vom Straßenverkehr umringten Platz. Passanten halten inne, schauen zu, manche schütteln den Kopf, wenden sich ab. „Sowas“ sieht man hier nicht alle Tage, kennen die meisten bestenfalls von den TV-Übertragungen der schrillbunten CSD-Paraden. 

Unermüdlich verteilen MANEO-Projektleiter Bastian Finke und seine fleißigen Helfer Info-Faltblätter und suchen wie schon zuvor in Köpenick das Gespräch mit den hiesigen Kiez-Bewohnern. Inzwischen knutschen rund zwei Dutzend Paare, umringt von anderen Interessierten, die niemanden zum Küssen dabei haben. 

Als Singlebörse taugt der Kuss-Marathon jedoch nur bedingt, denn nach einer knappen Viertelstunde heißt es auch schon wieder: „Los, weiter! Nächster Stopp: Kottbusser Tor, in 10 Minuten! Zack, zack!“ Die Plakate werden eingesammelt, der Tross rückt weiter. Zurück bleiben nur die verdatterten Gesichter der Passanten – und die Hoffnung, in ihren Köpfen etwas bewirkt zu haben. 

Kottbusser Tor, Kreuzberg, 14:10 Uhr. Locker geselliger Aufmarsch der MANEO-Kuss-Truppe vor Dönerbuden und Daddelhöllen. Hier, in „Klein Istanbul“, wie die Straßenzüge rund um die Hochbahnstation auch genannt werden, kennt man zwar den alternativen Kreuzberger CSD, und in den umliegenden Kiezen fühlen sich auch Schwule wohl. 

Doch dominierend sind heranwachsende Möchtegernmachos, die mit ihrem Verständnis von Männlichkeit nicht hinterm Berg halten. So dauert es nicht lange, bis aus einem an einer roten Ampel wartenden Wagen „Ey, guck mal, Schwule!“ tönt. 

Unbeeindruckt küssen die Teilnehmenden weiter, sogar ein Hetero-Pärchen macht spontan mit. Ein älterer Herr mit leichter Alkoholfahne, der offenbar regelmäßig an diesem Platz verkehrt, lässt sich bereitwillig einen „portect every kiss“-Aufkleber ans Revers heften und torkelt glücklich in den nächstgelegenen Imbiss, wo er das Schmuckstück stolz seinen Kumpels präsentiert. Derweil fordert ein Fotograf die Küssenden auf, sich „ins Zeug zu legen“. Das Foto ist tags darauf in der Berliner Boulevardzeitung B.Z. unter der Headline „Küsse des Tages“ zu bewundern. 

Landsberger Allee, Pankow, 15:00 Uhr, vor dem Velodrom. Von stürmischen Böen und Platzregen in die Eingangshalle des S-Bahnhofes getrieben, harren die Teilnehmenden der Dinge. Die wenigen Passanten, die sich trotz des Feiertages hierher verirrt haben, sind in Eile, die nächste S-Bahn zu erwischen. 

Als der Himmel aufklart, posiert die Kuss-Truppe noch auf den Stufen des Velodroms, links die Minipizza, rechts die Cola. Aufgegessen wird während der Fahrt, die Zeit drängt... 

Gesundbrunnen, Wedding, 15:30 Uhr. Auf dem Bahnhofsvorplatz des nördlichen Stadt- und Regionalbahnknotenpunkts herrscht feiertagsbedingt wenig Betrieb, doch Zeit für eine Verschnaufpause bleibt keine. 

Unermüdlich werden Flyer verteilt und Leute dabei offensiv angesprochen: „Wissen Sie schon? Heute ist Internationaler Tag gegen Homophobie...“ – „Ach, wat issn dat?“ Und schon war man ins Gespräch vertieft. Der Bezirksbürgermeister, Dr. Christian Hanke (SPD), hatte sein persönliches Erscheinen bereits angekündigt, als er zu seinem aufrichtigen Bedauern vor zwei Tagen jedoch aus dringenden terminlichen Gründen absagen musste. 

Ohne Umschweife ließ er ein Grußwort übermitteln, in dem er seine volle Unterstützung dafür zum Ausdruck brachte, „in der Öffentlichkeit für Toleranz zu werben und Diskriminierung nachdrücklich anzuklagen. Ein Kuss ist dabei ein wunderbarer Ausdruck der freundschaftlichen oder sogar liebevollen Verbundenheit von Menschen. Diesen zu schützen ist zugleich Zeichen einer menschlichen und gleichberechtigten Gesellschaft. Protect every kiss!“ 

Kurt-Schumacher-Platz, Reinickendorf, 16:00 Uhr. Ein wenig scheint der Schlachtruf des Kuss-Marathons im Getöse der den Flughafen Tegel im Minutentakt ansteuernden Maschinen unterzugehen. 

Doch was die Anwohner nicht schreckt, hält auch den MANEO-Tross nicht davon ab, mit Passanten und Polizei ins Gespräch zu kommen. Die an der Bushaltestelle ausgespuckten Fahrgäste trauen schier ihren Augen nicht, aber nehmen die angebotenen Info-Faltblätter gern mit. 

Mittlerweile ist die Teilnehmendengruppe auf rund ein Dutzend zurück geschrumpft; Ortsansässige sind keine erschienen, ebenso wenig wie die CDU-Bezirks- bürgermeisterin Marlies Wanjura, die im Vorfeld selbst einem Grußwort eine klare Absage erteilt hatte. 

Damit bleibt sie auf Linie: Reinickendorf bleibt in Berlin der einzige Bezirk, der sich auch in diesem Jahr wieder geweigert hat, anlässlich des CSDs die Regenbogenfahne am Rathaus zu hissen. 

Rathaus Spandau, 16:30 Uhr. Die letzten Hartnäckigen verschlägt es an den Stadtrand, nach Spandau. Auf dem Rathausvorplatz wird für ein Foto posiert, noch einmal küssen, die Lippen sind mittlerweile spröde. Der Ruf nach Labello wird laut, doch man schlägt sich wacker. Angesichts der Szenerie verbiegt ein in knapp 20 Metern Entfernung vorbeifahrender Radfahrer den Kopf und kippt fast um. 

Nollendorfplatz, Schöneberg, 17:30 Uhr. Zum Finale powern die Marathon- Teilnehmenden noch einmal richtig durch. Ein letztes Foto vor dem Mahnmal für die im Dritten Reich ermordeten Homosexuellen, dann ist Schluss. 

Müde, aber glücklich, etwas im Kampf gegen Homophobie und Hassgewalt bewirkt zu haben, trollen sich die Küsser und Küsserinnen ins nahe gelegene Mann-O-Meter- Café, wo MANEO direkt im Anschluss an den Kuss-Marathon seine Ausstellung „Zeugnisse homophober Gewalt“ mit einer Vernissage eröffnet. Und bereits jetzt herzlich zum nächsten MANEO-Kussmarathon einlädt. 

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