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Berlin, 31.10.2008

Erneut schwerer schwulenfeindlicher Übergriff in aller Öffentlichkeit

„Sei schwul, sei opfer, sei berlin? Die Stadt ist gefordert!“

In der Nacht zu Samstag, den 18. Oktober, wurde ein 33-Jähriger in einem Zug der U-Bahnlinie 6 Opfer eines schweren schwulenfeindlichen Übergriffs. Zwei junge Männer mit Migrationshintergrund attackierten ihn aufgrund seiner Homosexualität, schlugen und traten in aller Öffentlichkeit auf ihn ein. Das Opfer, dem Zeugen sofort zu Hilfe eilten, erlitt einen doppelten Kieferbruch und konnte erst nach fünf Tagen aus der stationären Behandlung im Krankenhaus entlassen werden.

MANEO-Projektleiter Bastian Finke erklärt:

„Wir sind zutiefst empört und erschüttert, dass erneut ein schwuler Mann in Berlin krankenhausreif geschlagen wurde, nur weil den Tätern seine sexuelle Orientierung nicht passte. Eine Stadt wie Berlin, die sich Weltoffenheit und Toleranz auf die Fahne schreibt, darf bei solch vorurteilsmotivierter Hassgewalt nicht länger die Augen verschließen! Der Dreiklang darf keinesfalls lauten: sei schwul, sei opfer, sei berlin.“

Bereits im Sommer sorgten mehrere schwere Übergriffe auf schwule Männer für Schlagzeilen. In Friedrichshain musste ein Familienvater, der für schwul gehalten und deshalb krankenhausreif geschlagen worden war, ebenfalls mit gebrochenem Kiefer ins Krankenhaus eingeliefert werden; der heterosexuelle Mann leidet seither an den Folgen des Übergriffs.

Im Tiergarten waren am 11. August mehrere schwule Männer überfallen worden. Dabei wurde ein schwuler Mann halbtotgeschlagen, lag mehrere Wochen im Koma und befindet sich noch immer in stationärer Behandlung. Er wird aufgrund seiner schweren Verletzungen voraussichtlich auch in der nächsten Zeit auf Pflege angewiesen sein.


Der 33-jährige schwule Mann befand sich in der Nacht zu Samstag, den 18. Oktober, gegen 00:30 Uhr, mit zwei Freunden auf dem Heimweg. Mit der U-Bahnlinie 7 fuhren sie vom Bahnhof Südstern in Richtung Mehringdamm. An der Station Gneisenaustraße verabschiedete der 33-Jährige den ersten seiner beiden Begleiter mit einem Kuss an der U-Bahntür; am Bahnhof Mehringdamm verabschiedete er den zweiten Freund auf dem Bahnsteig, wo er anschließend in die U-Bahnlinie 6 umsteigen und zum Halleschen Tor weiterfahren wollte. Auf dem Bahnsteig wurde er von zwei jungen Männern geschubst, die zuvor in der U7 gesessen und den Kuss beobachtet hatten. Weil auch diese in die U6 einstiegen, wählte der Betroffene einen anderen Waggon.

Kurz darauf kamen die beiden jungen Männer, die er auf Anfang 20 und mit einem Migrationshintergrund einschätzte, in sein Abteil, da sie dort eine dritte Person wiedererkannten. Dort begann einer der Täter den Betroffenen zu provozieren. Er fragte: „Bist du schwul?“, was der 33-Jährige selbstbewusst mit „Ja“ beantwortete. Daraufhin provozierte der Täter weiter: „Hast du gerade meinen Freund angemacht?“ und „Hast Du ein Problem?“, was sich mehrfach wiederholte. Als der Zug an der Station Hallesches Tor zum Stehen kam, begann der Kleinere der Täter wie wild auf den 33-Jährigen einzuschlagen; die Schläge trafen diesen ungezielt gegen Kopf und Körper.

Die Täter stiegen dann aus. Der Betroffene ging an die Tür und rief laut nach der Polizei. Daraufhin kam der größere der beiden zurück und schlug dem 33-Jährigen drei Mal mit der Faust gezielt ins Gesicht. Die Schläge waren so präzise ausgeführt, dass davon auszugehen ist, dass der Täter trainiert war. Fahrgäste kamen dem Geschädigten, der heftig aus dem Mund blutete, sofort zu Hilfe und verständigten Polizei und Rettungswagen; mehrere Fahrgäste stellten sich als Zeugen zur Verfügung.

Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte einen doppelten und gesplitterten Kieferbruch; der Geschädigte musste operiert werden. Mehrere Metallplättchen wurden in den Kiefer geschraubt, um diesen zu stabilisieren; das Gebiss ist verdrahtet, so dass der 33-Jährige derzeit nur flüssige Nahrung zu sich nehmen kann.


Bastian Finke:

„Ob verbale Belästigungen oder körperliche Angriffe – immer wieder erreichen uns am Überfalltelefon Meldungen vorurteilsmotivierter Gewalt gegen Schwule; betroffene schwule Männer berichten von Erschreckendem. Und: Die Taten ereignen sich, so unglaublich es klingt, mehrheitlich in aller Öffentlichkeit: in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf offener Straße. Homophobe Hassgewalt ist beleibe kein Dunkle-Seitenstraßen-Phänomen!

Seit letztem Jahr haben wir uns wiederholt an die Politik in Berlin gewandt und mit Nachdruck darauf gedrungen, dass mehr gegen Hassgewalt gegen die sexuelle Orientierung, vor allem mehr zum Schutz von Homosexuellen in der Stadt getan werden muss. Unsere seit zweieinhalb Jahren organisierte MANEO-Toleranzkampagne hat zumindest zu mehr Wahrnehmung von homophober Gewalt in unserer Gesellschaft beigetragen. Doch seither hören wir leider immer nur, dass die Verwaltung nichts tun könne, weil sie gerade andere Schwerpunkte verfolgen würde.

Doch Gewalttaten dieser Art erschüttern und verunsichern die schwulen Szenen in Berlin – das ist auch das Ziel dieser Täter, wenn sie ziellos ein Opfer herausgreifen und dieses stellvertretend für alle Homosexuellen angreifen. Solche Angriffe gegen das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft müssen bekämpft werden. Angriffe auf Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung sind auch Angriffe auf die Menschenwürde als Gemeinschaftswert.

Wir fordern die Politik auf, endlich Weichen zu stellen, damit auch Vorurteilskriminalität gegen die sexuelle Orientierung nachhaltig bekämpft wird. Es kann nicht sein, dass uns ständig von der Verwaltung erklärt wird, es sei dafür leider kein Geld da! Wie viele Opfer muss es noch geben?!? Den Preis für die Versäumnisse der Politik bezahlen die Betroffenen. Homosexuelle Opfer vorurteilsmotivierter Gewalt dürfen nicht länger als ‚Fortschrittsopfer’ einer falschen Politik in Kauf genommen werden.

Ergebnislose Gesprächsrunden beim Berliner Integrationsbeauftragten wie am letzten Dienstag sind der falsche Weg: Alle Gruppen, auch Migrantenverbände, müssen sich darüber klar sein, dass jegliche gebilligte Schlechterbehandlung von Homosexuellen der Nährboden und die Rechtfertigung für weitere Gewalt ist.

In der Berliner Landesverfassung ist eine Schlechterbehandlung von Homosexuellen verboten, Unversehrtheit von Leib und Leben werden von der Verfassung garantiert. Aufgabe des Senats ist es, die Landesverfassung durchzusetzen. Der Senat darf sich nicht dem Zweifel aussetzen, Religionsfreiheit höher zu bewerten, als das Recht der Homosexuellen auf Unversehrtheit.

Dazu gehört es, das Problem beim Namen zu nennen und nicht aus falsch verstandener Rücksicht auf scheinbar folkloristische Religionselemente die ganz klare Diskriminierung und Gewalt aufgrund sexueller Orientierung unter den Tisch fallen zu lassen – wie z.B. geschehen bei der Berliner Erklärung am letzten Dienstag.

Unser Aufruf:

Berlin gehört allen – aber nicht den Gewalttätern.

Keine Gruppe darf den öffentlichen Raum alleine für sich beanspruchen: Gewalttäter jeder Couleur, Hautfarbe, Nationalität, Herkunft und Geschlecht haben keinen Platz in unserer Mitte.

Berlin geht weiter.
Wir zeigen Solidarität mit Gewaltopfern.

Wir mischen uns ein.

Wir schauen nicht weg.
Wir stehen für ein tolerantes Miteinander.


MANEO ruft zu einer Protestaktion und Mahnwache gegen homophobe Hassgewalt in Berlin auf:
„Gesicht Zeigen! Nein zu Hassgewalt gegen Homosexuelle in Berlin! Protect every Kiss – denn Liebe ist Zukunft für Berlin!“

Wann und Wo: Dienstag, 04.11.08, 18 Uhr, am U-Bahnhof Hallesches Tor.

Für Rückfragen: Tel. 216 33 36

 

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