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Berlin, 03.08.2010

taz-Interview: "Ängste müssen Antworten kriegen"

DISKRIMINIERUNG Der Beratungsstelle für Opfer homophober Gewalt MANEO wird immer wieder Rassismus vorgeworfen. Der Leiter Bastian Finke über Vorurteile, Aufklärung und Kämpfe innerhalb der Schwulenszene INTERVIEW FRAUKE BÖGER

taz:
Herr Finke, nach dem Skandal um Judith Butlers Ablehnung des CSD-Preises ist die alte Debatte über Rassismus in der homosexuellen Szene wieder aufgeflammt. Ihrer Opferberatung MANEO wird vorgeworfen, Rassismus zu schüren, in dem Sie nach der ethnischen Herkunft von Tätern homosexueller Übergriffe fragen. Was steckt dahinter?


Bastian Finke:
"Das ist Augenwischerei. Einerseits wird behauptet, dass wir bezüglich Herkunft der Opfer und Täter nicht genug differenzieren. Andererseits wird verlangt, dass wir nicht unterscheiden sollen, wenn es um die Herkunft von Opfern und Tätern geht. Wir sind eine Opferhilfestelle und erfassen und dokumentieren homophobe Übergriffe, damit aus diesen Vorfällen Erkenntnisse und Muster gewonnen werden können - und letztendlich auch aktiv zukünftige Vorfälle verhindert werden.

In Ihren Fragebögen 2006 bis 2008 fragten Sie Opfer von Überfällen, ob der Täter deutsch gewesen sei oder nicht.
Nein, das stimmt so nicht. Sie sprechen hier konkret von zwei groß angelegten sozialwissenschaftlich begleiteten Umfragen, die wir 2006/07 und 2007/08 durchgeführt haben. Nur in der zweiten Umfrage haben wir danach gefragt, ob im Falle einer Gewalterfahrung der Betroffene vermutet, dass der Täter rechtsradikal, Deutscher, Teil einer schwulenfeindlichen Gruppe oder selbst homosexuell war. Es ging darum, welchen Hintergrund das Opfer bei dem Täter vermutet.

Ja. Eben. Und warum fragten Sie danach?
Weil in sozialwissenschaftlichen Umfragen eine solche Frage gefragt werden darf. Es ist wissenschaftliche Praxis, Äußerungen von Menschen vorurteilslos aufzunehmen, vor allem dann, wenn sie dies in der vorherigen ersten Umfrage in großer Anzahl getan haben. Außerdem wollen wir so viele Erkenntnisse wie möglich gewinnen, die wir dann wiederum in die Aufklärungsarbeit einbringen können. So ergibt sich der Kreislauf, nicht anders herum. In dem besagten Fragebogen der zweiten großen Umfrage wird jedoch nicht explizit nach der ethnischen Herkunft der Täter gefragt.

Im Ergebnisbericht zum Fragebogen wird dann der Wert "Täter nichtdeutscher Herkunft" als einer von sechs Punkten mit 15,9 Prozent aufgeführt. Das ist eine erschreckende Aussage.
Ja, das ist die Aussage. Doch es geht dabei um eine Einschätzung der Befragten. Immerhin kennt nur ein Viertel der Befragten den Täter persönlich. Das ist ein mit Sozialwissenschaftlern erstellter Fragebogen, der auch Mutmaßungen nachgeht und nachgehen muss. Uns dabei zu unterstellen, wir würden damit Feindbilder schaffen und pauschalisieren, zeigt leider die gravierende sachliche Unkenntnis der Kritiker. Unsere Arbeit ist doch genau auf das gegenteilige Ziel ausgerichtet.

Mutmaßungen nachzugehen ist eben nicht ganz ungefährlich und kann schnell Kritik wecken.
Die Fragen sind Werkzeuge, um ein möglichst umfassendes Bild in einem Bereich mit hoher Dunkelziffer zu zeichnen. Dazu gehört eben auch, dass Einstellungen und Mutmaßungen erfragt werden. Und den Befunden muss anschließend auf den Grund gegangen werden. Diese Grundlagenarbeit hat es in diesem Bereich, der homophoben Gewalt, bis vor wenigen Jahren nicht gegeben. Aufklärung und Sensibilisierung sind bisher leider immer am Geld gescheitert.

Glauben Sie, dass Homophobie ein spezielles Problem nichtdeutscher Gruppen ist?
Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, und es muss überall mehr getan werden. Aber damit der Arzt ganzheitlich behandeln kann, muss er eben so viele Informationen über den Patienten sammeln wie möglich. In den USA übrigens wird bei solchen Umfragen auch von den großen nationalen Organisationen nach Rasse und Ethnie gefragt.

Das wird in den USA auch im Zensus abgefragt, dort sind diese Begriffe ganz anders im Gebrauch als in Deutschland. Was aber machen Sie mit den Informationen - wie helfen Sie dem Patienten, um bei Ihrem Bild zu bleiben?
Es gibt speziell auf die einzelnen Problemfelder ausgerichtete Programme. Das gilt für die Aufklärungsarbeit wie die Opferhilfe. Wir müssen das große Bild sehen, aber auch klar benennen, wenn wir in anderen Minderheiten das Problem der Homophobie haben. Wir sind alle gesamtgesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt und müssen uns dem stellen - um in Zukunft vorzubeugen. Das ist unsere Herangehensweise. Wir ignorieren diese Dinge nicht.

Wie sieht Ihre Opferhilfe konkret aus?
Opfer versuchen in der Regel, sich die Gewalt, die ihnen angetan wurde, zu erklären. Das ist eine Logik der Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen. Und es entstehen dann Reaktionen auf diese Gewalttaten. Wenn man von einer alten Oma mit ihrem Dackel und dem Krückstock in der U-Bahn angegriffen und homophob beleidigt und beschimpft wird, dann kann es passieren, dass der Betroffene auf die nächste Oma mit Dackel und Krückstock sensibel reagiert. Bei den Gewaltopfern gehen oftmals Gefühle durch, da können auch Aggressionen losgehen.

Wie gehen Sie in der Opferberatung damit um?
Es geht dann erst mal um den Menschen. Wir helfen, zu stabilisieren und Betroffene zu stärken. Die, die Gewalt erlebt haben, wollen ernst genommen werden. Dabei geht es auch um deren Ängste nach einer solchen Erfahrung. Das erfordert sehr viel Verständnis und Feingefühl. Wichtig ist die Einbeziehung derjenigen, die gar kein Opfer waren. Die entwickeln häufig ähnliche Ängste, und man kann dann nicht einfach sagen, dass diese unbegründet sind. Wir müssen deutlich machen, dass Pauschalisierungen überhaupt nichts bringen. Das, was wir beispielsweise in Berlin-Schöneberg sehen, dieses tolle, wahnsinnig gemischte Kulturgefüge, erleben viele als toll und erfrischend. Aber manche erleben es als Bedrohung, vielleicht als Unsicherheit. Darauf müssen wir Antworten finden.

Welche denn?
In Berlin-Schöneberg haben wir zum Beispiel das Projekt Sicherheit im Kiez. Das ist ein regelmäßiges Forum mit Unternehmen, dem Bezirk und der Polizei. Da geht es auch um Täter. Es geht darum, Bilder einzureißen und Pauschalisierungen entgegenzutreten. Wenn nach einem Überfall einer brüllt, das waren wieder die und die, können wir zeigen, dass es viel differenzierter ist. Dann können wir genauer hingucken und zeigen, wer die Täter sind, wo die herkommen. Dann gibt es Stress mit den Anwohnern, und dann sprechen wir mit Sozialarbeitern und so weiter. Wir gehen da vielschichtig heran und sehen, was wir verändern können.

Herr Finke, haben Sie manchmal das Gefühl, dass zu viel von Ihnen verlangt wird - Kampf gegen Homophobie, Ausländerfeindlichkeit und so weiter?
Wir nehmen eine klare Haltung gegen vorurteilsmotivierte Hassgewalt ein, gegen Homophobie, auch gegen Ausländerfeindlichkeit. Es sind Impulse, die wir geben können. Natürlich muss eine klare Haltung eingenommen werden. Da, wo wir was machen können, machen wir das, aber wir können nicht auf allen Baustellen gleichzeitig sein, das geht nicht.

Wie empfinden Sie die Feindschaften innerhalb der schwulen Szene?
Wir haben viel gekämpft und vieles erreicht. Aber eben nicht alles. Zum Beispiel haben wir für das Institut der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft gestritten, begleitet von einer sehr leidenschaftlichen Debatte. Jetzt haben wir eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, ob es heute überhaupt noch Sinn macht, eine Institution wie die Ehe zu erhalten.

Und die Rassismusvorwürfe gegen MANEO, wie gehen Sie damit um?
Die sind einfach grotesk. Ich frage mich wirklich, ob es eigentlich noch konstruktive Beiträge aus diesen Gruppen gibt - denn ich bin immer an Erkenntnissen interessiert. Doch wer nur noch übereinander redet, statt miteinander an Erkenntnissen über den Umgang mit Minderheiten in unserer Gesellschaft und an Verbesserungen unser aller Lebenssituation zu arbeiten, der disqualifiziert sich selbst. Feindbilder führen immer in die Sackgasse. "Die Vorwürfe sind einfach grotesk. Ich frage mich wirklich, ob es eigentlich noch konstruktive Beiträge aus diesen Gruppen gibt".


Interview online im taz-Archiv → www.taz.de/archiv

 

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