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Berlin, 07.08.2012

In Gedenken an die Opfer des Anschlags auf die „Bar Noar“ in Tel Aviv vor drei Jahren: 6.000 Menschen versammelten sich im Meir Park – „Report-Center“ in Israel nach Vorbild von MANEO eröffnet

Am 1. August 2009 schoss ein maskierter Mann im Jugendtreffpunkt „Bar Noar“ auf schwule und lesbische Jugendliche, tötete Nir Katz (26) und Liz Trubeshi (16) und verletzte fünfzehn weitere. In Gedenken an den An-schlag fanden Anfang August zahlreiche Ver-anstaltungen in Israel statt. Höhepunkt war die öffentliche Kundgebung am 4. August im Meir Park in Tel Aviv, an der 6.000 Menschen teilnahmen. Zu den zwei ausländischen Gäs-ten die auf der Veranstaltung sprachen, zähl-ten Judy Shepard, deren Sohn Matthew 1998 in den USA ermordet worden war, und MANEO-Projektleiter Bastian Finke, auf des-sen Initiative Jugendliche, die den Anschlag in Tel Aviv überlebt hatten, im Sommer 2010 nach Berlin eingeladen worden waren.

Foto: GLBT-Center Tel Aviv. Kundgebung im Meir Park am 04.08.2012.Foto: GLBT-Center Tel Aviv. Kundgebung im Meir Park am 04.08.2012.

Auf der abendlichen Kundgebung in Tel Aviv, an der auch Jugendliche und Angehörige teilnahmen, die Opfer des Anschlages geworden waren, bekundeten zahlreiche Politiker und Prominente in bewegenden Reden und Gesten ihre anhaltende Anteilnahme und Solidarität mit den Betroffenen. Zu ihnen zählte Tzipi Livni, ehemalige israelische Außenministerin, die in ihrer Rede Gleichberechtigung in Israel forderte. „Dies ist nicht nur eine Kundgebung in Gedenken an die Opfer sondern auch eine Mahnung an die israelische Gesellschaft“. Ron Huldai, Bürgermeister der Stadt Tel Aviv, und Nitzan Horowitz (Meretz), einziger offener schwuler Abgeordneter in der Knesset, ermutigten die Menschen, weiter solidarisch für Freiheiten einzustehen.

Eine Jugendliche, die den Anschlag überlebt hatte, und Ayala Katz, Mutter des ermordeten Nir Katz, dankten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für ihre Solidarität und Anteilnahme. „Wir können zwar nicht vergessen, aber mit Eurem Engagement, das Ihr zeigt, gebt Ihr uns Mut und Kraft“. Ähnlich äußerte sich auch Judy Shepard, Mutter von Matthew Shepard, der mit 22 Jahren 1998 in den USA ermordet worden war. Sie ermutigte die Menschen, sich mit Kraft und Kontinuität weiter für Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung in den Gesellschaften einzusetzen. Das Verbrechen an Matthew Shepard hatte 2009 zu dem nach ihm mitbenannten „Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act“ geführt, mit dem in den USA jetzt auch Hassverbrechen gegen Homosexuelle mit höheren Strafen geahndet werden. MANEO-Projektleiter Bastian Finke dankte Agudah für die Ehre, auf der Kundgebung sprechen zu können. Er erinnerte an die große Anteilnahme und Solidarität, die nach dem Anschlag von den LGBT-Communities in Berlin und Köln bekundet worden war. Gemeinsam mit André Lossin, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, und Tom Schreiber, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (SPD) von Berlin, hatte er 2010 die Regenbogenbrücke und damit den zweiwöchigen Aufenthalt in Berlin und Köln organisiert. Er überbrachte Grüße vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und der Bürgermeisterin aus Köln, Elfi Scho-Antwerpes, die Schirmherr und Schirmdame der Regenbogenbrücke waren, und erhielt dafür großen Applaus.

Bewegende Szenen am Grab von Nir Katz

Am 1. August, dem Jahrestag des Anschlages auf die Bar Noar, versammelten sich Familienangehörige und Freunde am Grab von Nir Katz in Modi’in. Worte der Erinnerung und Gebete wurden gesprochen. Ein junger Mann berichtete unter Tränen, dass er heute nach drei Jahren das erste Mal Mut gefunden hat, das Grab von Nir zu besuchen, weil ihn zuvor Schuldvorwürfe quälten. Hätte er als Jugendleiter nicht kurz vor der Tat Nir darum gebeten, die Aufsicht über die Jugendlichen in der Bar Noar zu übernehmen, weil er vor der Tür eine Zigarette rauchen wollte, hätte ihn die tödliche Kugel getroffen. Nir, so steht es auf seinem Grab, wurde ‚Opfer eines Hassverbrechens‘. „Wir lassen jedoch nicht zu, dass Hass über uns kommt“, betont Ayala Katz, Mutter von Nir und fünf weiteren Kindern. In ihrer kurzen Ansprache dankte sie Judy Shepard und Bastian Finke, dass sie mit heute gekommen sind. Immer wieder nahmen sich die Menschen am Grab in die Arme und trösteten sich gegenseitig.

Ein heute 20-Jähriger, der vor zwei Jahren am Ferienaufenthalt in Berlin teilgenommen hatte, berichtete Bastian Finke am Rande der Gedenkveranstaltung, dass er vor wenigen Tagen endlich sein ‚Coming Out‘ gegenüber seiner Mutter „geschafft“ habe. Bereits vor einigen Jahren hatte sich sein älterer Bruder geoutet. Seine Mutter, die fünf Söhne alleine großgezogen habe, hatte sich mit dessen Coming-out schwer getan, was sein eigenes Coming-out verzögert habe. Jetzt ist er erleichtert und weiß, dass ihn seine Mutter nie im Stich lassen werde. Dabei berichtete er, wie entsetzlich es für ihn war miterleben zu müssen, wie einige der Jugendlichen nach dem Anschlag von ihren Eltern noch nicht einmal im Krankenhaus besucht worden waren, aus Furcht darüber, Medien könnten ihre Namen verbreiten und ihre Nachbarn dadurch von der Homosexualität ihrer Kinder erfahren.

Öffentliche Unterstützung für das neue „Report-Center“

„Die Idee und Anregung für das neue ‚Report Center‘ haben wir in MANEO gefunden“, so Shai Deutsch, Vorsitzender des Vereins Agudah, der auf einem Empfang am 31.07.2012 im Hotel Brown in Tel Aviv unter den etwa 200 Gästen den Präsidenten der Knesset, Rubi Rivlin (Likud), den Botschafter Deutschlands, Andreas Michaelis, und den Polizeichef von Tel Aviv Aharon Aksol begrüßte. Im Rahmen eines Dienstaufenthaltes in Israel nahm auch der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin, Reinhard Naumann, an dem Empfang teil. Mit dem neuen ‚Report Center‘, das den Namen von Nir Katz tragen wird, sollen sämtliche Vorfälle homophober und transphober Gewalt in Israel erfasst und ausgewertet werden. „Uns erwartet viel Arbeit. Doch unser Ziel ist es, homophobe Gewalt sicht-bar zu machen. Nur so haben wir langfristig die Chance, nachhaltig Diskussionen in Gang zu bringen und Veränderungen zu bewirken“, so Sharon Jaegerman von der LGBT-Organisation Agudah.

Am nächsten Tag diskutierten in Podiumsdiskussionen und Workshops zahlreiche Vertreter von israelischen Organisationen mit Judy Shepard und Bastian Finke über Ziele eines „Report-Centers“. Dabei wurde die Spanbreite deutlich, wie unterschiedlich „Gewalt“ eingeschätzt und bewertet werden kann. Von allen wurde betont, dass diese Diskussionen wichtig sind, dass unabhängig davon gerade auch die Taten dokumentiert und sichtbar gemacht werden müssen, die rechtlich kriminelle Straftaten darstellen.

Unterstützung der Pride-Demonstration in Jerusalem

Mit einer Delegation der Bar Noar und der Organisation Agudah unterstützten Aktivisten aus Tel Aviv die Pride-Demonstration am 2. August in Jerusalem. Zu den etwa 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zählte auch Judy Shepard, ihr Ehemann Dennis und Bastian Finke. In Jerusalem findet ein „CSD-Umzug“ seit 2002 unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. Im Jahr 2005 hatte ein orthodoxer Demonstrant auf drei Teilnehmer eingestochen und diese verletzt. Auch in diesem Jahr waren die zum Schutz der Demonstranten eingesetzte Präsenz von Armee und Sicherheitskräften erheblich.

Auf dem Rückweg zu ihrem Auto trug einer der Jugendlichen aus Tel Aviv eine Regenbogenfahne um seine Schulter gelegt. In einer Seitenstraße fuhr dann ein junger Mann mit seinem Motorroller an ihrer Gruppe vorbei und brüllte: „Euch hat man vergessen zu erschießen“.

„Genau diese Fälle muss jetzt das neue ‚Report-Center‘ erfassen. Sie müssen zusammengetragen und jedes Jahr der Öffentlichkeit präsentiert werden“, so Sharon Jaegermann von Agudah.

 

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